Presse
ABS in den lokalen Medien
HAZ vom 3.9.26
Raus aus dem „tiefen Loch“: Betroffene Hildesheimer berichten, was der Verlust der Sehkraft bedeutet – und warum Sport und Bewegung so wichtig sind
von Thorsten Berner
„Der Verlust der Sehkraft ist ein Schock“, sagt Jutta Timphus. „Ein tiefer Einschnitt.“ Ihre schleichende Glaukom-Erkrankung führte 2022 zur Erblindung. „Ich bin in ein sehr tiefes Loch gefallen“, erzählt die Hildesheimerin. Die 59-Jährige war selbstständig, doch plötzlich war alles weg: die Arbeit, soziale Kontakte, der gewohnte Alltag. Wie kommt man zurecht mit solch einer Lebenskrise? Wie kommt man heraus aus einem so tiefen Loch?
„„Sehr langsam und mühsam“, sagt Jutta Timphus. „Allein schafft man es nicht. Man braucht Hilfe und Menschen, denen man vertrauen kann. Außerdem enorme psychische und physische Kraft.“ Vieles davon findet sie in der Inklusiven Gruppe für Aktive Blinde und Sehbehinderte (ABS) in Hildesheim.
„Wir sind eine Gruppe von 35 sehenden, seheingeschränkten und blinden Menschen“, erklärt Leiterin Anette Sommer. „Wir knüpfen Kontakte, verbringen Zeit miteinander, bieten Hilfe an und machen verschiedenste Angebote.“
Eines dieser Angebote ist ein Gymnastik- und Funktionstraining (BodyFit), das jeden Freitag von 11 bis 12 Uhr im Tanzhaus in der Marie-Wagenknecht-Straße 16 stattfindet. Heute sind neben Anette Sommer und Jutta Timphus drei weitere Frauen dabei.
Das Leben geht weiter
Auch für Ulrike Drever ist das Training ein wichtiger Termin im Wochenkalender. Sie erlitt im Jahr 2020 einen plötzlichen Sehverlust: Netzhaut-Degeneration. Es blieb nur ein kleiner Sehrest von zehn Prozent auf einem Auge. „Da hat man plötzlich das Gefühl, man kann überhaupt nichts mehr“, sagt die 58-Jährige.
Dass das Leben als fast blinder Mensch weitergeht, dass man auch wieder gute und schöne Dinge erleben kann – diese Erkenntnis setzte sich nur allmählich durch. Selbstvertrauen und Stärke tankt Drever in der ABS-Bewegungsgruppe. „Durch die Übungen gewinnt man mehr Vertrauen in den eigenen Körper und kommt auch im Alltag wieder besser zurecht“, erzählt sie.
JLeiterin der Trainingsgruppe ist Antje Gouby. Sie ist Koordinatorin für therapeutische Angebote und Selbsthilfebeauftragte im Ameos Klinikum Hildesheim. Während einer Inklusions-Veranstaltung der Stadt lernte sie Anette Sommer kennen. Als Sommer vom Wunsch eines sportlichen Angebotes für blinde und sehbehinderte Menschen erzählte, erklärte Gouby spontan: „Das machen wir!“
Gesagt, getan: Im Tanzhaus wurde ein Saal inklusive Trainerin vom Ameos Klinikum zur Verfügung gestellt. Das kostet insgesamt 50 Euro pro Stunde. Zu dem Angebot gehört außerdem einmal im Monat eine präventive psychosoziale Gesprächsrunde. Begleitpersonen können kostenlos teilnehmen. Das heißt: Je mehr Menschen kommen, desto günstiger wird es für den Einzelnen. „Wir haben noch Kapazitäten frei und würden uns über Zuwachs freuen“, sagt Sommer.
Sie ist selbst sehbehindert und kennt die Probleme betroffener Menschen: „Soziale Kontakte brechen weg, Freunde ziehen sich zurück – und die Betroffenen oft auch.“ Das ist ein fataler Teufelskreis, der weitere Erkrankungen zur Folge haben kann – zum Beispiel schwere Depressionen.
Wichtig für den Alltag
„Wir wollen helfen, dass es nicht so weit kommt“, erklärt Antje Gouby. Sie hat ein großes, buntes Schwungtuch mitgebracht. Die Gruppe spannt das Tuch und lässt mit wellenartigen Bewegungen einen Ball darauf tanzen. Alle sind an der Übung beteiligt, das fördert den Zusammenhalt. Gemeinsam wird etwas bewegt. Und der HAZ-Fotograf wird prompt zum „Balljungen“ ernannt. Es wird viel gelacht.
Dann übt die Gruppe Aerobic-Schritte – abwechselnd mit dem rechten und dem linken Bein. Gouby steigert allmählich das Tempo und den Schwierigkeitsgrad. Während der Schritte wird mit den Armen geschwungen, dann abwechselnd ein Bein angehoben. Dann folgen einige Kniebeugen. „Solche Übungen haben gleich mehrere Effekte“, erläutert Gouby. „Das Gleichgewicht und der Orientierungssinn werden geschult, der Körper stabilisiert und die Muskeln gestärkt.“ Das alles sei für sehbehinderte Menschen auch bei der Bewältigung des Alltags sehr wichtig.
Zurück in den Beruf
Anette Sommer nennt weitere Vorzüge: „Die Übungen werden sehr gut erklärt und auch am Körper gezeigt und korrigiert. Im Saal haben wir ausreichend Platz, Geräte wie Matten und Stühle geben Orientierung im Raum – und das Funktionstraining beugt Beschwerden vor, die durch die Nutzung des Langstocks und Fehlhaltungen entstehen können.“
Ulrike Drever stieg sogar wieder ins Berufsleben ein. Sie arbeitet im Öffentlichen Dienst. Ihr Büro wurde so ausgestattet, dass sie weiterarbeiten konnte. „Das war mir wichtig“, sagt sie. „Auch für das Selbstwertgefühl. Und finanziell natürlich auch.“
Die Notbremse gezogen
Bei Anette Sommer war es anders: „Meine Sehnervenerkrankung schreitet seit meiner Jugend stetig voran. Der Anlass für meinen beruflichen Ausstieg war, dass sich mein Sehen stressbedingt verschlechtert hat. Mit zunehmendem Sehverlust nahm wiederum der Stress zu. Besagter Teufelskreis!“
Sie habe die Notbremse gezogen und sei aus dem Berufsleben ausgestiegen, um den letzten Sehrest zu erhalten. „Ich mache jetzt Dinge, die mir Freude bereiten – wie die ehrenamtliche Tätigkeit in der ABS-Gruppe. Das erfüllt mich.“
Einen Sinn finden
Genau darum geht es: Einen Sinn finden, wieder Freude erleben, anderen Menschen helfen und sich selbst positiver und stärker fühlen. Anette Sommer sagt: „Der Weg aus der Hoffnungslosigkeit und Isolation ist nicht leicht, aber man kann es schaffen.“
Alle sind willkommen
Die Inklusive Gruppe für Aktive Blinde und Sehbehinderte (ABS) in Hildesheim gibt es seit 2023. Ziel ist es, betroffenen Menschen zu helfen. Es gibt unter anderem eine regelmäßige Gesprächsrunde, gemeinsames Singen und eine Tandemgruppe. Sehende und sehbehinderte Menschen unternehmen auf dem Tandem gemeinsame Radtouren und Ausflüge. Auch den Umgang mit dem Smartphone können sehbehinderte Menschen bei ABS lernen und trainieren.
„Wir sind sehr froh, dass wir sehende Helferinnen und Helfer haben, die uns bei unseren Angeboten und Aktivitäten unterstützen“, erklärt ABS-Leiterin Anette Sommer. Sie erläutert: „Die Sehenden sind nicht nur zu unserer Unterstützung dabei. Unsere gemeinsamen Aktivitäten sollen auch zu einem gegenseitigen Verständnis und einem selbstverständlicheren Miteinander beitragen.“
Im nächsten Jahr soll ein Selbstverteidigungskurs stattfinden. Sehbehinderte Menschen sind im Alltag oft im Nachteil. „Aber wir sind nicht hilflos“, betont Sommer. So könne der Langstock bei Angriffen zur schlagkräftigen Waffe werden.“
Anette Sommer betont, dass die Teilnahme am Sport unabhängig von der ABS-Gruppe offen ist für alle Menschen mit Seheinschränkung. Alle Infos zur Inklusiven Gruppe für Aktive Blinde und Sehbehinderte (ABS) und wie man Kontakt aufnehmen kann, erfahren Sie hier.
Auch wir Sehenden sind manchmal blind
Ein Einwurf von Thorsten Berner
Es geschah spontan und unbewusst. Während des Termins bei der Gruppe für Aktive Blinde und Sehbehinderte (ABS) schrieb ich mir die Namen der Teilnehmerinnen auf. Um mich zu vergewissern, dass ich sie richtig geschrieben habe, hielt ich Gruppenleiterin Anette Sommer den Block hin. Sie sagte: „Das müssen Sie mir nicht zeigen.“
Ups! Wie peinlich, dachte ich. Aber die anwesenden Damen lachten und nahmen es mit Humor: Sie hätten Erfahrungen mit solchen Sachen. Wenn man blinden oder sehbehinderten Menschen so selten begegnet wie ich, dann spielt einem das Unterbewusstsein schon mal einen Streich. Im Gespräch mit Anette Sommer und den anderen Frauen ging es auch um die Berührungsängste etlicher Menschen, wenn sie Blinden oder Sehbehinderten begegnen. Warum ist das so?
Meine Erkenntnis: Auch wir Sehenden sind manchmal blind oder taub für jene Mitmenschen in unserer Gesellschaft, die mehr Verständnis und Unterstützung brauchen. Dabei kann es sehr bereichernd sein, mit gehandicapten Menschen zu reden – zum Beispiel darüber, wie sie es schaffen, möglichst das Beste aus ihrer Situation zu machen
Radio Tonkuhle
Der Beitrag über unsere Gruppe und Aktivitäten wurde am 16.06. gesendet und ist unter anderem in Open Spotify auch als Podcast verfügbar über folgenden Link:
https://open.spotify.com/episode/4mABThMrSdEeLiDniGJPVk?si=dBpBoPNZQgCxkrqzA4yx0A
HAZ vom 2.5.26
Anette Sommer rät, immer nach vorne zu sehen – dabei ist sie fast blind
Der diesjährige Ehrenamtspreis der Ehepaar-Dr.-Geyer-Stiftung geht an die Brücke der Kulturen, an Eckhard Weidel – und an Anette Sommer.
Von Kilian Schwartz
Auf der Kommode im Haus von Anette Sommer liegt eine Postkarte, auf der steht: „Es ist, wie es ist. Aber es wird, was wir daraus machen.“ Gäbe es einen Satz, der ihr Leben, ihre Motivation, ihr Leitmotiv auf den Punkt bringe, dann sei es dieser, erzählt die 59-Jährige. „Das, was uns widerfährt, haben wir nicht in der Hand. Doch ob wir in dem Loch hängen bleiben, uns bedauern und bejammern, oder ob wir die Ärmel hochkrempeln und trotz allem Schlamassel das Leben wieder anpacken – das liegt an uns.“
Dabei war das Loch, in das die Hildesheimerin, die am Donnerstag mit dem Hildesheimer Ehrenamtspreis ausgezeichnet wurde, einst gefallen war, ein ziemlich tiefes.
Sommer hat in Hildesheim Lehramt studiert. Ihr Referendariat leistete sie erst in Osnabrück ab, dann in Goslar, schließlich bekam sie ihre erste Stellein einer kleinen Gemeinde im Kreis Rotenburg/Wümme. „Das war eine großartige Schule mit einem besonderen Blick auf die Kinder, die es nicht so leicht haben“, erzählt sie.
Dann, kurz vor der Verbeamtung, der Schock. Bei einer Routineuntersuchung attestiert man ihr 60 Prozent Sehkraft auf dem guten, 40 Prozent auf dem schlechten Auge. Die Diagnose: Opticusatrophie, eine degenerative Erkrankung des Sehnervs, die erst zu Gesichtsfeldausfällen führt – und im schlechtesten Fall zur Erblindung. „Das war eigentlich ganz praktisch“, sagt Sommer und gluckst ein bisschen. Schließlich schädige die Krankheit nicht nur die Mitte oder den Außenbereich des Sehfeldes. „Stattdessen ist da überall ein bisschen Nichts. Zwischendrin ist da aber auch ganz viel.“
Schnell fällt Sommers Sehkraft auf 30 Prozent – auf dem guten Auge. Das Leben auf dem Dorf wird plötzlich schwierig, sie kann nicht mehr Auto fahren, Öffis gibt es nicht, sie muss in die Stadt umsiedeln. 2002 zieht sie zurück nach Hildesheim und beginnt hier als Lehrerin zu arbeiten.
Die Hürden steigen indes. „Bevor ich im Kollegium akzeptiert wurde, gab es viele Vorbehalte, gegen die ich kämpfen musste“, erinnert sich Sommer. Doch irgendwann geht es nicht mehr. Je stärker der Stress wird, desto mehr verschlechtert sich ihre Sehkraft. Inzwischen ist ihre Sehkraft auf 10 und 5 Prozent gesunken. Mit 49 Jahren zieht sie die Notbremse. Ein Amtsarzt schickt sie in den Vorruhestand. „Der hat gesagt: Gehen Sie nach Hause und machen Sie sich ein schönes Leben.“
Ein Jahr braucht es, bis Sommer wieder bei Kräften ist. „Das alles hat mich seelisch ziemlich mitgenommen, ich war komplett ausgelaugt“, sagt sie. In der Nähe ihrer Wohnung auf der Marienburger Höhe liegt die Matthäus-Gemeinde, dort singt sie schon seit langem in einer Kirchenband. Sie beginnt, sich mehr in der Gemeinde zu engagieren, tritt in den Kirchenvorstand ein, lernt dort ihren späteren Mann kennen.
Als Vorstandsmitglied der Hildesheimer Gruppe des Blinden- und Sehbehindertenverbands Niedersachsen (BVN) sorgt sie dafür, dass in den Gemeinderäumen regelmäßig inklusive Veranstaltungen wie etwa Spielabende und ein offenes Singen stattfinden. „Und dann kam Step by Step der Rest dazu“, erinnert sich Sommer.
„Der Rest“, das ist allem voran die Gründung der „Selbsthilfegruppe für Aktive Blinde und Sehbehinderte und deren Angehörige“ (ABS). Sommer umschreibt Sinn und Zweck der Gruppe so: „Es ist enorm sinnstiftend zu wissen, was die Menschen brauchen, darauf reagieren zu können und Dinge möglich zu machen.“ Derzeit hat die Gruppe etwa 30 Mitglieder, die sich zum Beispiel in einer Tandemgruppe, einer Sportgruppe oder einer Gruppe zum Austausch über die Unterstützung im Alltag durch iPhones treffen. Auch einen Selbstverteidigungskurs für Blinde und Menschen mit Sehbeeinträchtigung hat Sommer im vergangenen Jahr organisiert.
In einer neuen monatlichen Gruppe tauschen sich die Teilnehmenden derweil über emotionale Belange aus. In Zusammenarbeit mit dem Ameos-Klinikum geht es um Themen wie Trauer, Ängste und die Sorge vor dem Outing als sehbehinderter Mensch. „Diese Dinge sind nicht jedermanns Sache, deshalb treffen wir uns dafür in einem separaten Rahmen“, erklärt Sommer.
Der Altersdurchschnitt der Selbsthilfegruppe liegt zwischen 50 und 60. Sommer wünscht sich, dass auch jüngere Menschen hinzukommen, weiß aber auch um die Berührungsängste, wenn es um das Selbstverständnis als sehbeeinträchtigter Mensch geht: die Angst vor Fremdbestimmung, das Sich-erklären-Müssen, das Nicht-mehr-Gesehen-Werden. Das Outing als sehbehinderte Person, so erzählt es Sommer, sei für sie sehr schlimm gewesen. Es habe lange gedauert, bis sie im Supermarkt zum ersten Mal eine Lupe benutzt habe, um die Zutaten einer Pizza lesen zu können. „Den Langstock hatte ich zuerst immer nur in der Tasche. Bis ich mir auf einer Treppe den Fuß gebrochen habe. Ab dann war Schluss mit der Eitelkeit.“
Bei allen Rückschlägen habe sie ein Gedanke stets begleitet: Andere kriegen das auch hin.
Diese Botschaft will sie auch anderen in ähnlichen Situationen vermitteln. Bei all der Verzweiflung, die Menschen mit bestehendem oder drohendem Sehverlust befällt, sei Mitgefühl das Wichtigste. Die Botschaft: Wir wissen, wie es dir geht. Wir haben das irgendwie alle mehr oder weniger auch durch und haben es rausgeschafft. Wir sind an deiner Seite, können dir Tipps und Hilfen geben.
„Ich hatte immer das Gefühl: Andere schaffen das auch“, sagt Sommer. In der Selbsthilfegruppe möchte sie diesem Gedanken Raum geben und ihn teilen. „Man braucht Zeit zum Trauern, über all die Dinge, die man loslassen und neu aufbauen muss. Dann kann man neues Selbstvertrauen finden.“
Anette Sommer hat das tiefe Loch überwunden, in das sie ihre Behinderung einst geworfen hatte. „Ich freue mich über jeden, dem ich sagen kann: Das kriegst du genauso hin.“ Oder anders: Es ist, wie es ist. Aber es wird, was du daraus machst.
HAZ vom 2.1.25
„Eure Stimme ist eure Waffe“
Premiere in Hildesheim: Blinde Menschen lernen in einem VHS-Kursus, sich in der Not zu verteidigen
ZUM ERSTEN MAL IN HILDESHEIM RICHTET SICH EIN SELBSTVERTEIDIGUNGSKURS EXPLIZIT AN MENSCHEN MIT EINER SEHBEEINTRÄCHTIGUNG.
Von Kilian Schwartz
Eine Attacke aus dem Nichts: Mit stampfenden Schritten und erhobenen Fäusten kommt die Person auf Reinhard Will zugestürmt. „Stop!“, brüllt er der Angreiferin entgegen. Dann: Stille. Aber die kann für den 63-Jährigen erst recht gefährlich werden. Ohne das Schlurfen von Schritten, das Knistern von Kleidung, das Japsen einer fremden Atmung gibt es für ihn kaum eine sichere Koordinate zur Orientierung. Durch eine Netzhauterkrankung leidet der Hildesheimer unter einer starken Gesichtsfeldeinschränkung, die ihm nur knapp zwei Prozent Sehfähigkeit lässt – auf dem guten Auge. Auf dem Papier gilt er als blind. „Es ist, als ob man durch Milchglas guckt“, wird Reinhard Will später seine Sehbeeinträchtigung umschreiben. Doch erstmal: Stille.
Auch die Angreiferin ist ruhig geworden. Die Bedrohung ist verflogen, die Szene entspannt sich. „Die Chance ist gleich Null, wenn ich erstmal direkt vor dir stehe. Du musst auf die Schritte hören“, sagt Carmen Moré und blickt in die Runde. Gerade noch als Angreiferin im Spiel, hat sie nun wieder ihre ursprüngliche Rolle eingenommen. Die ausgebildete Präventions- und Selbstverteidigungstrainierin hat sich auf die Arbeit mit blinden und sehbeeinträchtigten Menschen spezialisiert. Für einen zweitägigen Kurs hat sie der Blinden- und Sehbehindertenverband Niedersachsen (BVN) in Zusammenarbeit mit der Selbsthilfegruppe ABS (Aktive Blinde und Sehbehinderte) Hildesheim in die Volkshochschule geladen. „Eure Stimme ist eure Waffe“, appelliert sie an die Teilnehmenden.
Konzept stammt vom Deutschen Ju-Jutsu Verband
Es ist eine Premiere – zum ersten Mal in Hildesheim richtet sich ein Selbstverteidigungskurs explizit an Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung. Das Konzept stammt vom Deutschen Ju-Jutsu Verband, der zunehmend auch Angebote für sehbehinderte und blinde Menschen erarbeitet. Knapp ein Dutzend Interessierte sind der Einladung in die VHS gefolgt, darunter Menschen mit mittelschwerer Beeinträchtigung bis zu einem nahezu vollständigen Sehverlust sowie sehende Begleiterinnen und Begleiter. Nicht alle wollen ihren Namen veröffentlicht wissen, aus Sorge, durch ihre Beeinträchtigung könnte man sie in der Öffentlichkeit verstärkt als Opfer wahrnehmen. „Wir sind keine leichte Beute“, stellt ABS-Leiterin und Kursorganisatorin Anette Sommer klar. Sie selbst hat durch einen schleichenden Sehnervschwund einen Großteil ihres Sehvermögens verloren, konnte jedoch bis 2016 noch als Lehrerin tätig sein. „Nur weil wir eine Sehbeeinträchtung haben, sind wir per se keine ängstlichen Menschen.“ Folgerichtig unterscheiden sich viele der Situationen, die Präventionstrainerin Moré in ihrem VHS-Kurs gemeinsam mit den Teilnehmenden simuliert, kaum von anderen Selbstverteidigungsangeboten. Hier wie dort liegt der Fokus darauf, sich in Momenten der Gefahr möglichst souverän zu verhalten. „Es geht nicht darum, heldenhaft Gegner auszuschalten“, sagt Moré. Neben der Prävention und dem Erlernen von Handlungskompetenzen nehme die reine Selbstverteitigung sogar den kleinsten Part im Kurs ein. „Das ist dann der Bereich, den wir eigentlich gar nicht erst erreichen wollen.“
Stattdessen die Frage, wie man unliebsamen Mitmenschen von Beginn an den Wind aus den Segeln nimmt. Mit den passenden Antworten im Gepäck ließen sich Bedrohungen mit ausreichend Selbstvertrauen begegnen. Soweit die Theorie. Doch was, wenn der Angreifende schemenhaft bleibt – weil man ihn schlicht und ergreifend nicht sehen kann?
„Der Täter sieht dich – du ihn aber nicht“, sagt Moré. Und brüllt ein markerschütterndes „Stop“ in den Riedelsaal hinein. Die Teilnehmenden tun es ihr gleich. „Wir machen das jetzt weiter, bis die Bude wackelt!“, insistiert die Trainerin. Hände aus den Hosentaschen, aufrecht stehen, im Zweifelsfall aufs Bauchgefühl achten: „Macht ihr euch selbst klein, macht ihr euren Angreifer automatisch größer.“ Diesen gilt es, auf Abstand halten – zur Not mit dem Blindenstock.
Hilfsmittel, die im Fall der Gefahr helfen können
„Den haben wir ja sowieso immer zur Hand“, sagt Teilnehmer Reinhard Will. Und obgleich er den Langstock für ein adäquates Mittel hält, sich Angreifer vom Leib zu halten, plädiert er eher für Deeskalation: „Am besten, man weicht dem Kampf aus und vermeidet alles, um in eine gefährliche Situation zu kommen“, so der 63-Jährige gebürtige Hildesheimer, der auch zweiter Vorsitzender des BVN ist. Dass im Kursus auch verschiedene Hilfsmittel vorgestellt werden, die im Gefahrenfall helfen können, hält Reinhard Will deshalb für sinnvoll. Beispiele: Die barrierefreie Notruf-App „Nora“ kann schnell Hilfe organisieren oder ein mit Gas gefüllter Schrillalarm Angreifer in die Flucht schlagen.
Sollte es dann doch zu einer körperlichen Auseinandersetzung kommen, hat Präventionstrainerin Moré schlagkräftige Tipps parat. „Eine gezielte Ohrfeige kann das Trommelfeld beschädigen. Das macht den Angreifer orientierungslos“, erklärt die 50-jährige, die seit 30 Jahren als Trainerin im Einsatz ist. Als Übung prasseln anschließend die Fäuste der Teilnehmenden auf schwarze Schlagkissen nieder. Doch auch hier macht sich eine Schwierigkeit deutlich: Ein Teilnehmer kann das Ziel nicht erkennen und muss mit seinen Schlägen erst in die richtige Richtung gelenkt werden. Ist diese Übung vielleicht womöglich doch zu alltagsfern? Kursus-Organisatorin Anette Sommer sieht das nicht so. „Es ist gut zu merken, wieviel Power ich habe, wenn es drauf ankommt. Allein eine Situation gedanklich durchzuspielen, das kann schon helfen.“
Rückmeldungen sind durchweg positiv
Nach neun Stunden, verteilt auf zwei Tage, ist der Kurs vorüber. Ob er fortgesetzt werden soll, will Sommer vorerst offen lassen. Die Rückmeldungen der Teilnehmenden seien jedenfalls durchgängig positiv gewesen, erzählt sie. Genau wie Kurs-Leiterin Carmen Moré ist sie sich jedoch sicher: Ein Angebot wie dieses müsste es regelmäßig geben, damit sich Routinen bilden könnten. Eine Sparte für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen in einem regulären Selbstverteidigungskurs hielte sie indes für ungeeignet. „Wir haben hier ein eigenes Tempo und vermitteln auch anders“, sagt Moré. Könnte ein eigener Verein hier nicht Abhilfe schaffen? „Dann ließen sich die einzelnen Themen noch weiter vertiefen“, überlegt Reinhard Will. Schließlich könne man einer gefährlichen Situation vor allem dann gut entkommen, wenn bestimmte Handgriffe ganz automatisch abliefen. Dafür brauche es dann aber – Routine.
„Stop!“ brüllt Reinhard Will noch einmal der Angreiferin und Kursusleiterin in Personalunion Moré entgegen. Für heute ist die Gefahr erstmal gebannt.
HAZ vom 7.9.24
Frau Timphus und wie sie die Welt sieht
Sie ist Konditorin gewesen - mit einem großen Haus am Neustädter Markt. Inzwischen hat Jutta Timphus ihr Augenlicht verloren - nicht vollständig, aber fast. Was sie keineswegs verloren hat, ist ihr Mut. Der ist eher noch gewachsen an einem neuen Leben voller Herausforderungen, von denen Pflaumenkuchenbacken die geringste ist.
von Kathi Flau
In ihrer Wohnung könnte man glatt vom Boden essen. Muss man nicht, denn Jutta Timphus besitzt nicht nur einen Tisch, sie hat ihn auch liebevoll und akkurat gedeckt. So wie damals die Tische in ihrer Konditorei am Neustädter Markt: mit einer bestickten Decke und umgedrehten Wassergläsern, damit kein Staub hineingelangt, mit einer Serviette neben dem Teller – und mit Pflaumenkuchen, den sie selbst gebacken hat. „Mein erster Pflaumenkuchen seit vier Jahren“, sagt sie lächelnd und streicht über ihr blaues Kleid, bevor sie sich setzt. Ein bisschen mädchenhaft, ein bisschen stolz.
Die Allerwenigsten können backen wie sie. Oder eine Wohnung derart auf Hochglanz polieren. Und das, obwohl sie sehen können. Für Jutta Timphus ist diese Zeit in ihrem Leben vorbei. Die Zeit der Farben, der Bilder. Sie nimmt nur noch schemenhaft wahr, was sie umgibt, und selbst das wird manchmal schwierig. Ihre Welt ist dunkel, sie zieht sich immer weiter zu. Eines Tages wird die 57-Jährige vollkommen blind sein.
„Schon als Kind hab ich um jede Lampe herum Regenbogenfarben gesehen“, sagt sie und lacht. „Ich dachte natürlich, das ist ganz normal, das sehen alle Menschen so.“ Ihr Augendruck, stellten Ärzte fest, war viel zu hoch. Wo ein Wert von 15 normal gewesen wäre, lag ihrer bei 33. Lange hielt sie „den grünen Vogel in Schach“, wie sie sagt, den grünen Star, der das Gesichtsfeld einschränkt und blinde Flecken beim Sehen verursacht. 2007 kam grauer Star hinzu, da hat sie die Leute eine Weile nur noch an ihren Stimmen erkannt. Einige hielten sie für unfreundlich. „Sie ist nicht unfreundlich“, sagte ihre Mutter den Nachbarn, wenn die sich mal wieder echauffierten, weil die Jutta nicht grüßte. „Sie sieht Sie nicht.“
Bis 2013 ging das so, mal besser, meistens schlechter. Dann die Krise. Wenn wir nicht sofort was unternehmen, sagten die Ärzte, wird’s duster. Im Sommer 2019, sie stand schon auf der Warteliste für eine Hornhauttransplantation, stieg der Augendruck so akut, dass sie einen Kunden nicht zu Ende bedienen konnte. „Der arme Mann tut mir heute noch leid“, sagt Jutta Timphus. Mach sofort dein Geschäft zu, sagte ihr Vater. „Aber ich wollte unbedingt noch bis Weihnachten durchziehen. Das ist immer die schönste Zeit des Jahres gewesen.“ So machte sie es. Die OP war für Januar geplant, im März kam Corona. „Das hat mir den Abschied vom Geschäft sehr erleichtert“, sagt Jutta Timphus heute.
Ihr fällt der Kinofilm ein: „Mein Blind Date mit dem Leben“, die berühmte, wahre Geschichte von Saliya Kahawatte, der mit 15 erblindete, aber trotzdem unbedingt Hotelfachmann werden wollte. Dem ein ums andere Hotel auf seine Bewerbung antwortete: Schönen Dank, wir haben uns anderweitig entschieden. Und man nicht wusste, ob sie seine Anschreiben nicht in irgendeinem Ordner für Kuriositäten aufbewahrten, aus denen sich beim Firmenjubiläum zitieren lässt: Guck mal hier, da wollte doch tatsächlich mal einer bedienen, der war blind! Es gibt schon irre Leute auf der Welt, haha. Der Film wäre natürlich kein Film, wenn Kahawatte es nicht geschafft hätte. Er verschwieg seine Sehbehinderung fortan, ging ins beste Hotel Münchens und tat, als könnte er sehen. Ein irrsinniger Aufwand, eine Lebenslüge, doch er schaffte es. Er machte die Ausbildung und arbeitete 15 Jahre lang in den besten Häusern Deutschlands. Mixte edle Cocktails, deckte Tische für sieben Gänge und servierte sie fehlerlos, polierte Gläser und Spiegel und sah nicht das Geringste.
Eine wahre Geschichte. Jutta Timphus mag sie sehr. Klar klingt sie fürchterlich nach Kitsch und Hollywood, nach dieser ganzen Gib-niemals-auf-Nummer, aber dann klingt sie eben so. Jedenfalls hatte der Mann Mut und Zuversicht, die für drei Leben gereicht hätten. Und er hat sie tatsächlich etwas gelehrt, etwas sehr Konkretes: Man kann hören, was man nicht sieht. Wie voll ein Weinglas eingeschenkt ist. Wie zum Beweis schenkt Jutta Timphus mit sicherer Hand Kaffee aus einer großen Thermoskanne ein. „Mit kleinen Tassen ist das nicht so einfach“, sagt sie. „Mit Kaffeepötten geht es leichter.“ Tja, aber die sehen auf einer Tafel natürlich nicht so elegant aus. Sie füllt jede Tasse perfekt bis kurz unter den Rand. Die Konditoreichefin, die sie einst war, wäre mit solchem Service zufrieden gewesen.
Aber Jutta Timphus will von dieser Zeit nicht weiter sprechen, sagt sie. Nicht, weil die nicht schön gewesen wäre, oh nein, sie war toll. Aber sie ist Vergangenheit, und wenn eins nichts bringt, dann der Vergangenheit nachzuhängen. Im Hause Timphus wird nach vorne geschaut! Disziplin muss sein. Also nur schnell der guten Ordnung halber: Ja, sie ist Konditormeisterin, übernahm 1993 das Geschäft, das ihre Eltern 1965 am Neustädter Markt eröffneten, erweiterte es im Jahr 2000 um einen Hotelbereich und führte die Geschäfte bis 2019. So, nun ist es gesagt, Klappe zu, Affe tot. Jutta Timphus ist längst auf der Suche nach einem neuen Job. Sachbearbeitung wäre toll, Bürokram. Sie hat sich beworben: als Schulsekretärin, in Firmenbüros. Bislang hat nichts davon geklappt.
Doch nein, sie will es nicht wie der Filmheld machen und ihre Sehbehinderung verschweigen, sie hat ja bereits neu sehen, lesen und schreiben gelernt. Indem sie sich Braille selbst beibrachte, die Blindenschrift, die aus sechs Punkten besteht, in zweimal drei Reihen angeordnet. Jede Zahlenkombination steht für einen Buchstaben des Alphabets, jede muss man sich a) merken und b) ertasten. „A ist zum Beispiel eins“, sagt Jutta Timphus, „B ist eins, zwei.“ Und nein, C ist nicht eins, zwei, drei. Sie lernte also das ABC. Was, wie jedes Schulkind weiß, erst die halbe Miete ist. „Die Kunst ist ja, am Ende eines Satzes noch zu wissen, wie der angefangen hat“, sagt Jutta Timphus und lacht schon wieder.
Um lesen zu lernen, so richtig, belegte sie einen einjährigen Kurs in Hannover am LBZB, dem Landesbildungszentrum für Blinde. Der Mensch muss lesen, sagt sie, meine Güte. Du kannst ja nicht den ganzen Tag Hörbücher hören. Dauernd Stimmen um einen herum, Geräusche, Gequatsche, das hält niemand aus. Und schreiben muss er auch, der Mensch. Jutta Timphus kann inzwischen nicht nur eine Tastatur blind bedienen, sondern auch ganze Programme nur durch Tastenkürzel. Dokumente öffnen, schließen, drucken, kopieren, das Layout ändern, die Typografie, Elemente einfügen, speichern, beenden, bitteschön! Alles eine Frage des Auswendiglernens.
Gleichzeitig Mobilitätstraining. „Ich hatte mir einen Blindenstock gekauft“, sagt sie. „Aber der nützt natürlich nichts, solange man nicht weiß, wie man den benutzen soll.“ Die nächste Baustelle. Jetzt kann sie sich zum Beispiel durch Haltestellen tasten. Längsstreifen markieren deren Anfang und Ende, Noppen oder Rillen auf dem Boden zeigen an, dass jetzt gleich die Straße kommt, und wenn sie vernünftig angebracht sind, zeigen sie auch, wo genau man in den Bus einsteigen muss. Andere Hilfsmittel: Unter vielen Ampeln ist ein Knopf. Nicht dieser Button, den alle Leute drücken, sondern noch ein anderer, der ein akustisches Signal auslöst. Und darauf ist manchmal ein Pfeil, den man ertasten kann. Der zeigt die Richtung an, in die man gehen muss.
Blöd ist halt nur, wenn das Piepen oder Brummen nicht funktioniert. Dann stehste da. Jutta Timphus sagt, sie hat schon so lange an Ampeln gestanden, bis jemand sie anstupste: „Is grühüün!“ Bis jemand kam und leise fragte: „Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“ „Früher“, sagt sie, „war ich sehr schüchtern.“ Inzwischen hat sie gelernt: Damit kommt sie nicht weiter. Nicht über Ampelkreuzungen, nicht im sonstigen Leben. „Wenn es sein muss, stelle ich mich inzwischen auch irgendwo hin und rufe laut: Hallo, ist hier jemand? Kann mir jemand helfen?“ Okay, nur wenn es unbedingt sein muss.
Jutta Timphus sitzt am Tisch, trinkt kaum Kaffee und vergisst den Kuchen ganz und gar, während sie enthusiastisch über Apps spricht, die sie im Alltag anleiten und navigieren, die Filme untertiteln, auf Knopfdruck Texte vorlesen oder ihr Fotos beschreiben, über sprechende Küchenwaagen, selbstständige Bügeleisen und programmierbare Aufkleber für Vorräte, während sie vom Hundertsten ins Tausendste kommt – und man sich fragt, ob sie sich denn nicht auch manchmal verloren vorkommt in der Welt, einsam oder desorientiert oder was man eben so ist, wenn alles einmal komplett auf links gedreht wird?
Doch, sagt Jutta Timphus. Ist sie. Manchmal. Manchmal sogar sehr. „Aber genau das wollte ich gerade sagen: Was mir sehr hilft und sehr geholfen hat, sind die Menschen in unserer ABS-Gruppe. Anette und Ursel und die anderen.“ ABS heißt Aktive Blinde und Sehbehinderte, Anette ist deren Leiterin Anette Sommer und Ursel Scholz eine, die inzwischen zur Freundin geworden ist. Sie alle können kaum oder gar nicht sehen, sie alle wollen trotzdem leben. Wollen Sport machen, Radfahren, Eis essen gehen oder ins Kino, wollen arbeiten und Eltern oder Großeltern sein, wollen reisen und sichtbar sein in einer Welt, die sie selbst nicht mehr sehen können.
„Wenn wir uns treffen, dann unternehmen wir was oder plaudern oft auch einfach nur“, sagt Jutta Timphus. Ihr enormes Wissen über Apps und Hilfsmittel und Beratungsangebote hat sie genau dorther. „Wir tauschen auch viele Dinge oder geben sie weiter.“ Bevor man sich zum Beispiel eine teure Software kauft oder eine Smartwatch mit extra Funktionen für Nichtsehende, probiert man sie einfach bei jemandem aus, der damit schon gearbeitet hat. Und stellt dann fest: Ist was für mich. Oder nicht.
Auch für die traurigen Momente ist die Gruppe ein gutes Umfeld. Vielleicht versteht niemand, der es nicht selbst erlebt hat, wie es ist, auf einer Krezung zu stehen und „Hallo, ist da jemand?“ rufen zu müssen. Mitten am Tag. Als wäre man einsam unter Menschen, gefangen in einer Dunkelheit, von der sie nichts ahnen. In der Gruppe wissen sie es, hier sind sie Vertraute und Halt und Vorbilder füreinander. Für die tollen Momente sind die Menschen aus der Gruppe auch ein gutes Umfeld, sagt Jutta Timphus. „Weil sie viel besser wissen, was für mich ein Erfolg ist und wie viel Arbeit oder Überwindung hinter manchen Dingen steckt.“ Zusammen freuen sie sich dann wie Kinder, wenn etwas gelungen ist oder besonders schön war. „Neulich waren wir zusammen beim AdventureGolf. Das war richtig cool.“ So sagt sie es tatsächlich: „cool“. Und dann probiert sie endlich ein Stück Pflaumenkuchen. „Ja, doch“, sagt sie, „der ist gut.“ Der erste seit vier Jahren. Anette und Ursel werden staunen.
HAZ vom 19.7.2024
Radeln mit Blinden: Piloten fürs Tandem gesucht
Wer gern Rad fährt, aber kaum etwas sehen kann, hat schlechte Karten - aber wozu gibt es schließlich die Doppelsitzer?
von Kathi Flau
Es war vor gut zwei Wochen auf einem Fest in Hannover, als Ursel Scholz das Erlebnis ihres Sommers hatte: Sie fuhr tatsächlich Fahrrad. Zum ersten Mal seit über zwei Jahren - ein Erlebnis, von dem die ehemalige Diakonin immer noch schwärmt. „Das war ganz wunderbar", sagt sie, „das würde ich mir öfter wünschen.“ Eine neue Initiative soll ihr und anderen Menschen, die erblindet oder sehbehindert sind, diesen Wunsch erfüllen. Mithilfe von Tandems. Und die Räder sind sogar schon da. Es müssten sich lediglich genug Sehende finden, die şich mit Nichtsehenden so ein Doppelfahrrad für eine Tour, einen Ausflug, eine Unternehmung teilen - schon könnte Scholz' Traum wahr werden.
Doch von vorn: Radfahren ist nur eines der Dinge, die in Ursel Scholz' Leben etwas Besonderes geworden sind, seit ihre Sehkraft sie mehr und mehr verlässt. Die Ärzte sagen, die betrage noch 5 Prozent auf einem Auge und noch 20 auf dem anderen, aber Scholz kommt es vor wie viel weniger. Mitunter erkenne sie Menschen oder Dinge, die sie vor sich hat, nur noch schemenhaft. Ein Zustand, mit dem sie immer noch umzugehen lernt, wie sie sagt. „Ich konnte mich lange Zeit nicht dazu durchringen, den Umgang mit dem Langstock zu lernen oder ein Blindenabzeichen zu tragen." Es fiel ihr schwer, die Erkenntnis zuzulassen: Ich erblinde. Schritt für Schritt werde ich mein Leben aufgeben müssen, so, wie es mal war. Unternehmungen werden nur noch eingeschränkt möglich sein. Freundeskreise werden sich ändern. Bewegung und Freiheit werden eine andere Bedeutung bekommen. Deshalb hat sie Anschluss zu einer Gruppe gesucht und gefunden, die sich ABS nennt und aus dem Hildesheimer Blinden- und Sehbehindertenverband heraus entstanden ist. Hier kommen Menschen zusammen, die trotz ihrer Einschränkung große Lust haben, etwas zu unternehmen, unterwegs zu sein, Sport oder Ausflüge innerhalb Hildesheims und in die Umgebung zu machen. Zum Beispiel mit dem Fahrrad.
Anette Sommer hat die ABS-Gruppe gegründet, Das A steht, klar, für aktiv, B und $ sind Blinde und Sehbehinderte, Sommer war einst Lehrerin, auch ihr Leben stellte eine fortschreitende Sehbehinderung komplett auf den Kopf, Und auch ihre Devise war: etwas tun. Nicht still sitzen. Nicht abwarten. Ihr war klar: Es wird nun anders weitergehen als bisher, aber weitergehen wird es allemal.
Und warum nicht auf dem Fahrrad? Der Gruppe stehen mehrere Doppelräder zur Verfügung, die meisten zweirädrig, das Tandem von Scholz hat drei Räder. Auch die Malteser haben ein Tandem angeschafft, wie Tinka Dittrich vom Verein mitteilt, und wollen sich damit an der Initiative beteiligen.
"Jetzt würden wir uns freuen, wenn sich Piloten finden, die mit uns gemeinsam Rad fahren", sagt Sommer. Das geht dann so: ein Sehender sitzt vorn, ein nichtsehender Mensch hinten, beide geben gemeinsam Gas und können sich als Team aufeinander einspielen. Was nicht unwichtig ist, wie Scholz findet: "Ich muss mich ja auf dem hinteren Platz schon auch auf den Piloten einlassen." Eine Frage des Vertrauens sel es, auf diese Weise gemeinsam lozudüsen und ein kleines Stück der Welt zu erkunden.
Was dann an Ausflügen in der Gruppe oder im Team stattfinden soll, das müsse man sehen, sagt Anette Sommer. „Da würden wir gemeinsam mal schauen, was sich jeder so vorstellt." Piloten könnten nur einmalig dabeisein, sie können einen Teil der Unternehmungen mitmachen oder alle,
Info Wer sich vorstellen kann, ein Pilot zu werden und Tandem zu fahren, er- reicht Anette Sommer online unter abs-hi@web.de oder telefonisch unter 0151-51112883.
